Samstag, 17. September 2011

Kungsleden: Der Königsweg

Nachdem mich dieses Jahr die Begeisterung fürs Wandern und alles Outdoor-Bezogene gepackt hat, wollte ich mit meiner Frau zusammen das erste Mal eine Trekkingtour machen. Nach Recherche im Internet erschien uns der südliche Teil des Kungsleden als ideal für Einsteiger, auch wenn die Jahreszeit in Schweden im September natürlich schon fortgeschritten ist. 

Nachdem wir uns also wochenlang Ausrüstung zusammengekauft und uns informiert hatten, ging es zuallererst zum Flughafen nach Frankfurt und nach Stockholm-Arlanda, von wo wir noch einmal 10 h Zugfahrt bis nach Storlien zu bewältigen hatten. Bewältigen deshalb, weil es nachts doch recht frisch draußen wird und unser Zug entweder über keine Heizung verfügte, oder aber diese aus war.

Nach ein durchbibberten Nacht im Zug gelangten wir dann bei heiterem Wetter nach Storlien und nahmen von dort ein Taxi in die Ortschaft Storvallen, wo der Startpunkt des südlichen Kungsleden liegt.
Von da an waren wir mit wenigen Schritten in einer Wildnis, die keiner von uns vorher so gekannt hatte. Aufgrund des, selbst für schwedische Verhältnisse, sehr regnerischen Wetters, war der Boden vielerorts so aufgeweicht, dass man durch ein Moor zu waten schien. 
Die erste Etappe war direkt etwas hart, weil sie zwar mit 12 km recht kurz war, aber steilbergauf vom Tal in die Hochebene (Fjäll) führte und wir sie erst gegen Mittag begannen. So kamen wir dann also gegen 19 Uhr auf dem Bergkamm an und waren gerade noch imstande, in der dortigen Berghütte etwas Proviant zu kaufen, bevor uns auch schon die Müdigkeit übermannte und wir das Zelt am Ufer eines kleinen Sees aufschlugen. Es stellte sich heraus, dass dies kein idealer Standort war (so einen haben wir aber auch nie gefunden), da es die ganze Nacht nur so am Zelt rüttelte und uns der Wind morgens den Nebel und die Feuchtigkeit ins Zelt blies.





Der zweite Tag startete durchwachsen und kalt, am Nachmittag zeigte sich jedoch auch die Sonne, so dass wir in Ruhe und trocken unser Lager an einem kleinen Bach aufschlagen konnten. Dies war auch der Tag, an dem meine Frau entschied, dass sie nicht die ganzen zwei Wochen unseres Urlaubs in de Wildnis verbringen möchte. Da der nächste "Exit" in die Zivilisation noch 70 km entfernt war, wir aber noch ganze 12 Tage hatten, stimmte ich zu, die zweite Hälfte in Schwedens Hauptstadt Stockholm zu verbringen. 
Doch noch waren wir in der Wildnis, wie wir am Morgen des dritten Tages erfahren mussten. Ich wurde durch ein lautes Grunzen und einen Schatten über der unteren Hälfte des Zeltes geweckt. Noch nichzt ganz wach, entschied ich mich, das Phänomen erstmal weiter zu beobachten. Unter beständigem Grunzen wurde der Schatten immer größer, bis plötzlich etwas gegen die Zeltwand stieß und sie eindrückte. Meine spontane Reaktion war ein lautes "Ksch", was die Situation deutlich entschärfte, da der Schatten schnell wich. Leise krabbelte ich dann zum Zelteingang und spähte hinaus: Wir waren mitten in einer grasenden Rentierherde. Diese normalerweise scheuen Tiere werden von den schwedischen Ureinwohnern, den Samen, im Fjäll als Nutztiere gehalten. Da ihre "Weide" aber mehrere Tausend Quadratkilometer umfasst, können sie sich frei wie Wildtiere bewegen. Wie auch immer: Begegnungen dieser Art sollten uns die ganze Woche begleiten.
Doch die Rentiere waren nicht die einzigen Fjällbewohner, mit denen wir auf Tuchfühlung gingen. Dieses Jahr ist im Grenzgebiet zwischen Norwegen und Schweden ein sogenanntes Lemmingjahr: So Nennt man Jahre, in denen die Lemmingpopulation ganz exorbitant anwächst, um dann in den nächsten Jahren wieder abzusinken. Dieses Lemmingjahr führte dazu, dass wir täglich sicherlich dutzende Male Lemminge sahen und gelegentlich auch mit ihnen in Kontakt kamen. Was wir allerdings tausendfach sahen, waren Limmingköttel: Es scheint, als wäre kein Qm im Fjäll nicht von den kleinen Biestern vollgeschissen.
Zurück zum Menschen: Die nächsten Tage bewegten wir uns in den Hochtälern um die Massive von Sylarna und Helags, wo sich dann ein gewisser Tagesrhytmus einstellte, der sogar vom Wetter eingehalten wurde:
  • 8 Uhr: Frühstück
  • 9 Uhr: Warten das der Regen vorbei ist, dann Zelt abbauen
  • 9:30 Uhr: Losmarschieren
  • 10 Uhr: Es regnet
  • 11 Uhr: Energieriegel, Studentenfutter verzehren 
  • 13 Uhr: Mittagessen im Sonnenschein
  • 14-15 Uhr: Zelt aufbauen und Kaffee trinken
  • 18 Uhr: Abendessen, darauf bald Schlaf
Man darf nicht vergessen, dass wir uns da oben im aufziehenden Winter auf einer Hochebene bewegt haben: Die schneidenden Winde und die oft hohe Luftfeuchtigkeit machten die 8°C - 15°C gefühlt deutlich kälter als vergleichbare Temperaturen in unseren Gefilden. In den Nächten sanken die Temperaturen sogar auch 1-2 °C, was unseren Daunenschlafsäcken und unserer Kleidung wirklich alles abverlangte.
Am sechsten Tag unserer Wanderung kamen wir abends dann im kleinen Örtchen Ramundberget an, wo wir uns im örtlichen Supermarkt mit Keksen versorgten und die folgende Nacht in einem Hotel verbrachten. Diese "Softie"-Entscheidung hatte neben dem Komfort aber auch noch andere Vorteile: Die nette Dame an der Rezeption buchte für uns den Fernbus nach Stockholm und den Transfer zur Haltestelle. Außerdem konnten wir unsere (gewaschene) Kleidung in einer Art beheizten Kleiderschrank trocknen und so nach einer Woche endlich die verhasste Feuchtigkeit loswerden.
Nach einem 8 stündigen Bustransfer nach Stockholm, verbrachten wir die folgende Woche dort uns sahen uns mehrere Museen und Sehenswürdigkeiten an. Da wir allerdings unvorbereitet darauf waren, konnten wir die Woche sicher nicht so gut ausnutzen, wie wenn wir das von Anfang an geplant hätten.
So viel sei gesagt: Stockholm ist eine sehr schöne Stadt, die auf 14 einzelnen Inseln errichtet wurde, die durch eine Menge Brücken miteinander verbunden sind. Das Fortbewegungsmittel der Wahl ist entweder der eigene Bewegungsapparat oder aber das Fahrrad. Bus und Bahn sind zwar auch vorhanden, aber da die Stadt nicht riesengroß ist und es ein eigenes Verkehrsnetz für Fahrrader gibt, besteht auch nicht viel Bedarf.
Wer mit dem Gedanken spielt, sich Stockholm einmal näher anzuschauen, sollte diesen schnellstmöglich umsetzen: Die Anreise per Flugzeug kostet von Frankfurt gerade einmal 75 € pro Person, so dass man durchaus mal für ein langes Wochenende anreisen kann. Der Lebensunterhalt und die Unterkunft hingegen sind recht teuer. Wir haben pro Tag etwa 30 € für Mittag/Kaffee/Abendessen ausgegeben, dabei waren wir weder in super edlen Restaurants, noch in irgendwelchen Fastfoodketten unterwegs. Was ein richtiges Loch in die Reisekasse reisst, ist die Unterkunft: Wir zahlten für ein 13 qm großes Standardzimmer mit 1,4 m Bett  im Schnitt 175 € pro Nacht.
Wenn man jedoch in einem Hostel oder als Couchsurfer irgendwo unterkommt, relativiert sich das Ganze.

Mein Fazit: Trekking macht Spaß. Dieser nimmt aber mit abnehmender Temperatur ab und bei Regen kann der Urlaub auch mal ins Wasser fallen. Dieser hier hat sich zu einem ganz guten Mittelweg entwickelt, auch wenn es nicht kälter oder nässer hätte sein dürfen. Klar, vor Regen ist man nie sicher, aber ein kurzer Schauer oder selbst ein ganzer Tag Regen sind was anderes als eine ganze verregnete Woche.
Der nächste Trekkingurlaub geht, wenn ich meine Frau nochmal überreden kann, in die südlichen Gefilde wie Griechenland, Sizilien oder Zypern.

2 Kommentare:

Philipp hat gesagt…

Die Fotos sehen klasse aus! Schlechtes Wetter ist natürlich immer mies, da hilft auch die beste Kleidung und das beste Zelt nichts. Schön das Ihr wieder da seit!

Oliver hat gesagt…

Hi
Schön ist das Fjäll! Wir waren dieses Jahr ebenfalls auf dem Kungsleden (nördl. Teil von Ammarnäs-Hemavan, letzter Abschnitt). Mit schlechtem Wetter musst du leider in Schweden fast immer rechnen. So schlimm empfanden wir dies jedoch nicht, da die Regenwände kamen und gingen.
Meinem Vorschreiber muss ich widersprechen. Die beste Kleidung und das beste Zelt helfen sehr wohl den Komfort während der Fjällwanderung aufrecht zu erhalten ;-) Eine gute Ausrüstung (leicht, dicht, warm, ...) hilft massiv!

Ich hoffe du wagst dich nochmals an den Kungsleden ;-)

Gruss
Oli